Ist Trauer zu privat fürs Internet? Warum du als Schreibrebell*in über Trauer schreiben darfst und wie persönlicher Schmerz deinen mutigsten Text entfesselt
„So etwas tut man doch nicht!“
Dieser berühmte Satz aus Henrik Ibsens Hedda Gabler beschreibt genau den unsichtbaren Kosmos aus gesellschaftlichen Regeln, Erwartungen und Konventionen, der in unseren Köpfen festsitzt. Aufgrund dieses Zitats belasse ich es ausnahmsweise im folgenden Blogartikel beim „man“, was ich sonst vermeide. Doch in diesem Fall steht das Diktum der Unterdrückung von Gefühlen wie Trauer für eine patriarchale Gesellschaft, die Gefühle als Gefährdung des gesellschaftlichen Funktionierens bewertet.
Was sich gehört, was sich nicht gehört. Was „man“ tut, was „man“ nicht tut – ein ewiger Knigge, der nicht nur als Regelwerk im Raum steht, sondern direkt in unserem Gehirn mitläuft.
Und beim Schreiben schlägt er besonders gnadenlos zu:
„Das ist viel zu persönlich.“
„Das gehört nicht in die Öffentlichkeit.“
„Behalte deinen Schmerz für dich.“
In diesen Tagen jährt sich der Todestag meiner beiden Eltern zum ersten Mal. Sie starben plötzlich, innerhalb von nur elf Tagen. Und ich habe mich ganz bewusst entschieden, diesen Glaubenssatz heute zu brechen.


Trauer als unbekannte Seinsform
Über fünf Jahre lang habe ich meine Eltern begleitet und betreut, Behördengänge erledigt, Arztgänge, Physiotherapien, Fahrten, Krankenkassenforderungen für zwei Privatpatienten organisiert, Verantwortung übernommen und als gesetzlich bestellte Betreuerin meiner Mutter Entscheidungen getroffen. Das waren anstrengende Jahre, die mich oft an den Rand der Erschöpfung und darüber hinaus brachten, doch: Ich habe die Zeit genossen. Denn es war GEMEINSAME Zeit. Und dann waren beide von heute auf morgen nicht mehr da.
Ein Jahr später ist ihr Tod immer noch jeden Tag präsent:
- Der Gedanke am Morgen: Jetzt würde ich gern meinen Vater anrufen. Einfach so, um seine Stimme zu hören.
- Der Impuls bei wichtigen Momenten: Jetzt würde ich so gern wieder mit ihm einen Kaffee trinken gehen.
- Die Hand, die innerlich zum Hörer greift, der Gedanke, der den vertrauten Schlenker in die Vergangenheit macht, bis die jähe Erkenntnis folgt: Ach ja. Er ist ja nicht mehr da.
Trauer ist kein Projekt, das man ordentlich abarbeitet, um wieder „funktionsfähig“ zu sein. Vielleicht ist Trauer eine völlig unbekannte Seinsform, so mein Gedanke während des Schreibens dieses Blogartikels. Ein Zustand ohne Gebrauchsanweisung, in dem Tränen fließen, während man gleichzeitig arbeitet, lacht, reist und an der Begräbnisstätte schweigt.

Der Perfektionismus der Trauer – und was die Positive Psychologie dazu sagt
Gerade wer jahrelang gepflegt und Verantwortung getragen hat, kennt die quälende zweite Schleife der Trauer: den Perfektionismus des Abschieds.
- Habe ich alles richtig gemacht?
- Habe ich wirklich alles gegeben?
- Hätte ich meine Eltern noch besser betreuen, noch mehr für sie da sein können?
Hier meldet sich derselbe innere Zensor, der uns auch das Schreiben verbieten will: der Anspruch, selbst im Angesicht des Todes, fehlerfrei funktioniert haben zu müssen.
Die Positive Psychologie, insbesondere die Forschung rund um Self-Compassion (Selbstmitgefühl nach Kristin Neff) und Posttraumatic Growth (posttraumatisches Wachstum), zeigt jedoch einen ganz anderen Weg:
- Gemeinsames Menschsein (Common Humanity): Perfektion existiert in der Pflege und im Abschiednehmen nicht. Erschöpfung, Überforderung und Ohnmacht sind keine persönlichen Fehlleistungen, sondern universelle menschliche Erfahrungen.
- Selbstmitgefühl statt Selbstzensur: Heilung beginnt nicht dort, wo wir unsere Handlungen rückwirkend optimieren, sondern wo wir anerkennen: Ich habe mit den Ressourcen, dem Wissen und der Kraft gehandelt, die ich in diesem Moment hatte.
- Sinnstiftung durch Integration: Verluste lösen sich nicht auf, indem wir sie verdrängen. Posttraumatische Reifung entsteht, wenn wir dem Erlebten (natürlich auch schreibend) Ausdruck verleihen (!!!) und die Verbindung neu definieren.
Vielleicht müssen wir gar nicht lernen loszulassen, sondern hineinzuwachsen!
In der modernen Trauerforschung spricht man heute von Continuing Bonds, der Erlaubnis, die Verbindung nicht zu kappen, sondern sie innerlich weiterzuleben. Wenn Trauer nichts anderes ist als die Gestalt, die Liebe annimmt, wenn niemand mehr am anderen Ende der Telefonleitung abhebt: Warum sollte man darüber nicht schreiben dürfen?
Thích Nhất Hạnh fand dafür ein heilsames Bild: Er erzählte in einem Video, dass sein Vater bei allem, was er tue, dabei sei, er nehme ihn einfach überallhin mit, erzähle ihm von den Dingen des Tages und worauf er stolz sei …
Wir lassen unsere Menschen nicht zurück. Wir nehmen sie mit, in Gedanken, in der Erinnerung – und im geschriebenen Wort.
🌸 „Es ist gerade die Aufgabe der Schreibenden, etwas auszudrücken, was ganz und gar nicht leicht auszudrücken ist. Und auf diese Weise dazu beizutragen, dass unsere Gefühle in der Gesellschaft wieder wertgeschätzt werden.“
Monika Stolina

Memento mori: Wie die Endlichkeit unsere Kreativität entfesselt
Der Tod (der Eltern) erinnert uns schonungslos an eine fundamentale Wahrheit: Auch unsere eigene Zeit ist begrenzt.
Wir leben oft in einer seltsamen Trance des Alltags. Wir schieben Dinge auf, verstecken uns hinter Ausreden und warten auf den perfekten Moment. Das antike Memento mori, das bewusste Erinnern an die eigene Sterblichkeit, ist kein düsterer Pessimismus, sondern der radikalste Weckruf überhaupt.
Für unsere Kreativität wirkt dieses Bewusstsein wie ein Katalysator:
- Es zerstört den Perfektionismus: Wenn das Leben endlich ist, haben wir keine Zeit mehr für die Angst vor dem Urteil anderer.
- Es bringt Dringlichkeit: Es beantwortet die Frage, worauf wir eigentlich noch warten. Wann, wenn nicht jetzt, ist zum Beispiel die Zeit, endlich das Buch zu schreiben, das schon seit Jahren in uns schlummert?
- Es schärft das Wesentliche: Die Endlichkeit trennt das Triviale vom Wahren. Sie verleiht unseren Worten Tiefe, Dringlichkeit und Mut.
Das Wissen um das Ende nimmt uns die Illusion, dass wir ewig Zeit hätten, um auszudrücken und zu leben, was uns wirklich wichtig ist. Es schenkt uns die Erlaubnis, endlich unverstellt und wahrhaftig zu schreiben.
Rebellisch schreiben: DEINE Wahrheit, DEINE Regeln
Eine Schreibrebellin, ein Schreibrebell bricht Konventionen, aber niemals den Respekt vor sich selbst. Rebellisch zu schreiben heißt nicht, sich schutzlos zu entblößen oder das Intimste ungefiltert preiszugeben. Es bedeutet, die eigene Hoheit über die Geschichte zurückzuholen:
Du bringst das Wesentliche aufs Papier: Kraftvolle Texte und mutige Bücher entstehen nie durch Bravsein oder Angepasstheit. Sie beginnen genau dort, wo die Schreibrebellin in dir fragt: Was ist wirklich wahr? Und was will durch mich in die Welt gebracht werden? Und zwar ungeachtet dessen, WAS DIE ANDERN SAGEN!
Du bestimmst dein Heiligtum: Als Schreibrebell*in entscheidest allein du, welcher Teil deines Erlebens geschützt bleibt und was nur dir gehört.
Du kündigst dem inneren Knigge: Du schreibst nicht, um Erwartungen zu erfüllen, sondern aus eigener Souveränität, frei von jedem verstaubten: „Das gehört sich nicht.“
Schreibimpuls: Brich das Diktat des inneren Knigge durch deine Poesie
Darüber schreibt man doch nicht? Doch. Genau darüber. Denn wenn wir aufschreiben, was wir sonst schweigend mit uns herumtragen, begegnen wir uns selbst viel klarer und aufrüttelnder – und schenken anderen die Erlaubnis, dasselbe zu tun.
Lass keine einzige Perle aus:
„Manchmal ist die Perle ein Same. Oder ein Knochen. Oder Jade. Oder getrocknetes Blut. Oder Sperma. Oder Kristall. Oder vermodertes Holz. Oder die Reliquie eines Weisen. Oder Gold. Oder Glas. Oder ein Prisma. Oder Eisen. Oder Lehm. Oder ein Auge. Oder ein Ei. Oder Mist. Oder ein Ball. Oder ein Stein. Oder ein Pfirsich. Oder eine Kugel. Oder eine Blase. Oder Blei. Oder reines Licht.“ (Deng Ming-Dao, 365 Tao. Heilende Meditationen für das ganze Jahr, Tageslosung vom 14.8.)
Worauf es wirklich ankommt: die eine Perle schreibend zu erfassen, die jetzt gerade zu dir kommt, und schreibend die spirituelle Bedeutung dieser Offenbarung Satz für Satz zu entfalten.
🌸 „So etwas schreibt man doch nicht?!“ Nimm dir Zeit für deine innere Schreibrebellin!
Monika Stolina

Häufig gestellte Fragen zum Schreiben über Trauer und Schmerz
1. Ist es nicht zu intim oder unpassend, öffentlich über Trauer zu schreiben?
Nein. Authentisches Schreiben bedeutet nicht, schutzlos jedes Detail preiszugeben. Es geht darum, universelle menschliche Erfahrungen wie Verlust, Abschied und Liebe wahrhaftig zu benennen. Als Schreibende behältst du stets die Hoheit darüber, welche Aspekte dein privates Heiligtum bleiben und welche Erkenntnisse du mit der Welt teilst.
2. Muss ich die Trauer erst komplett überwunden haben, bevor ich darüber schreiben darf?
Keineswegs. Trauer ist kein lineares Projekt, das man irgendwann abhakt. Du musst nicht warten, bis alles „wieder gut“ ist. Das Schreiben im Prozess hilft oft, dem Unfassbaren überhaupt erst eine Gestalt zu geben. Wichtig ist lediglich, dass du aus einem Zustand der Selbstfürsorge heraus schreibst und nicht aus dem Zwang, sofort funktionierende Lösungen präsentieren zu müssen.
3. Wie schütze ich mich davor, mich beim Schreiben emotional zu überfordern?
Setze dir bewusste Grenzen für deine Schreibsessions:
- Feste Zeitfenster: Schreibe 15 bis 20 Minuten am Stück und spüre danach in deinen Körper hinein.
- Sicherer Raum: Schaffe dir einen geschützten Ort und sorge nach dem Schreiben für erdende Routinen (ein Spaziergang, ein warmes Getränk).
- Pause erlauben: Wenn Tränen aufsteigen, ist das heilsam, wenn es dich überwältigt, lege den Stift ohne Schuldgefühle zur Seite.
4. Was mache ich mit der Angst: „Was sollen Familie oder Bekannte denken?“
Hier meldet sich der klassische innere Knigge. Trenne klar zwischen zwei Dingen:
- Persönlichkeitsschutz: Die Intimsphäre dritter Personen muss respektiert werden (z. B. durch Verfremdung von Namen oder Details).
- Eigene Wahrheit: Dein Schmerz, deine Liebe und deine Gefühle gehören dir. Niemand hat das Recht, dir abzusprechen, über dein eigenes Erleben zu sprechen.
5. Muss alles, was ich über meinen Schmerz schreibe, auch veröffentlicht werden?
Nein. Der erste Schritt gehört immer nur dir und deinem Papier. Schreiben dient zuerst der eigenen Klärung und Entlastung. Erst mit zeitlichem Abstand entscheidest du souverän, ob, wie viel und in welcher Form ein Text als Blogartikel, Buchkapitel oder Gedicht nach außen getragen wird.
6. Wie wird aus persönlicher Trauer ein Text, der andere berührt, statt nur traurig zu machen?
Indem du vom reinen Faktenbericht zur emotionalen Essenz vordringst. Wenn du beschreibst, was der Verlust über die Kostbarkeit des Lebens, über Dankbarkeit oder über die eigene Sterblichkeit lehrt, machst du deine Erfahrung für andere lesbar. So wird aus individuellem Schmerz universeller Trost.

Lass den inneren Knigge hinter dir und entdecke, was möglich wird, wenn du zur Schreibrebellin und zum Schreibrebellen wirst! In meinem donnerstäglichen Museletter erhältst du einzigartige und kraftvolle Schreibimpulse.
IT’S FREE!
Let‘s BLITZ together! IMMER!

Deine Monika Stolina

Monika Stolina ist Schreiblehrerin, Autorin, Gründerin der Golden Republic of Writers (GROW!) und des HighVoltageWriting-Programms. (Und jetzt auch des QCW – des Quantum Collapse Writing ;-)) Sie begleitet Schreibende dabei, ihr eigenes Buch aus der Begeisterung ihrer Urkraft heraus zu schreiben, authentisch, unverwechselbar und mit der jedem Menschen innewohnenden Intelligenz.












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